Julia’s Geschichte

Julia’s Geschichte

Ein „Psycho“ erzählt

Mein Name ist Julia und auf meinem Blog „Mein Leben als Psycho“ geht es um meinen Weg mit Magersucht, Binge Eating, Depression und sozialer Phobie. Es ist mir wichtig Betroffenen zu helfen, aber auch zu zeigen, dass die Grenze zwischen normal und psychisch krank fließend ist. In jedem von uns steckt ein kleiner Psycho und das ist meine Geschichte…

Eine Jugend mit Magersucht

Angefangen hat bei mir alles mit ca. 12 Jahren. Bis dahin hatte ich eine schöne unbeschwerte Kindheit in einer relativ stabilen Familie. Ich habe meinen Körper als zu dick wahrgenommen und nach einem Weg gesucht möglichst unauffällig Gewicht zu verlieren. Dazu muss ich sagen, dass ich niemals übergewichtig war und es in meiner Familie keine Probleme mit Gewicht oder Essen gab. Langsam hab ich mein Essverhalten umgestellt und wollte mich nur noch „gesund“ ernähren. Meine Mutter hielt dies anfänglich für eine vorübergehende Phase und hat nicht mitbekommen wie wenig ich tatsächlich gegessen habe. Je mehr ich meine Nahrung eingeschränkt habe, desto mehr von diesen „Essensvermeidungs-Tricks“ kamen hinzu. Dementsprechend ging es mit meinem Gewicht und mit meiner Gesundheit bergab. In ihrer Verzweiflung brachten mich meine Eltern zum Arzt, der mich sofort in eine Klinik eingewiesen hat. In den nächsten drei Monaten war eine Kinderpsychatrie mein zu Hause. Von dieser Zeit kann ich sagen, dass es die schlimmste meines Lebens war.

Nach diesem Aufenthalt ging bis zum Alter von 17 Jahren alles mehr oder weniger gut. Das Thema Magersucht wurde für meine Familie zum Tabuthema und meine noch immer vorhandenen Komplexe mit meinem Körper habe ich verschwiegen.

Bei einer Schuluntersuchung habe ich dann gemerkt, dass ich innerhalb eines Jahres vier Kilo zugenommen hatte. Das gab für mich den ausschlaggebenden Punkt wieder mit dem Abnehmen anzufangen. Dieses Mal wählte ich jedoch eine andere „Strategie“ um es vor meiner Familie zu verheimlichen: ich zählte Kalorien. Und da sich in meiner Familie niemand groß mit Ernährung beschäftigt, war diese Taktik in meinen Augen mehr als erfolgreich. Dumm war, dass ich genau in diesem Jahr mein Abitur machte und ich um dieses zu schaffen auch den Tod in Kauf nehmen würde. Das klingt jetzt hart, aber ich wage es zu behaupten, dass ich mich in diesem Jahr mehrmals in Lebensgefahr befunden habe. Mit meinem absoluten Tiefgewicht und mehr Zombie als Mensch habe ich mein Abitur bestanden.

Perspektivenlos führte mich mein Weg wieder in eine Klinik. Diese zwei Monate haben mein Gewicht erhöht, aber in meinem Kopf wenig Veränderung bewirkt. Wieder zu Hause verlor ich an Gewicht und mit Jahresende musste eine Wende in meinem Leben her. Mein Neujahresvorsatz war daher, dass ich die Magersucht hinter mir lasse und wieder zu essen beginne. Dass ich damit einen neuen Teufelskreis in die Gänge gesetzt habe, war mir damals noch nicht klar…

Binge Eating – ein neuer Teufelskreis beginnt

Schon vor meinem neuen Jahresvorsatz habe ich gemerkt, dass es mir immer schwerer gefallen ist die geringe Menge an Essen, die ich meinem Körper zuführe, zu kontrollieren. Dementsprechend konnte ich mich nicht mehr zurückhalten als mein Kopf endlich grünes Licht gab. Kein Essen war vor mir sicher. Ich habe gegessen bis mir schlecht war. Alles was im Haus zu finden war, habe ich nur so in mich hineingestopft. Zu Beginn dachte ich, dass dieses Verhalten vollkommen normal war. Ich hatte bereits von diesem extremen Hunger nach Phasen der Essensrestriktion gehört. Also ging dieses wahnsinnige Essverhalten weiter. Natürlich nahm ich relativ schnell zu und kam auch wieder zu Kräften. Doch ich konnte nicht aufhören. Es gab so gut wie keine Tage an denen ich nicht die Kontrolle über das Essen verloren habe. Dieses Verhalten habe ich bis zum Ende des Jahres fortgeführt. Ich habe zwar in der Zwischenzeit zu studieren begonnen, aber mein Essverhalten bekam ich trotzdem nicht in den Griff. Immer wieder versuchte ich erneut abzunehmen und sogar mich zu übergeben. Ich hasste meinen Körper und ich war psychisch am Ende.

Ein paar Monate später habe ich mir selbst das Leben gerettet, indem ich zu einem Psychiater gegangen bin und mit Medikamenten meine Depression in den Griff zubekommen. Außerdem habe ich eine Psychotherapie begonnen. Meine Stimmung wurde in den nächsten Monaten besser und ich begann mich zu erholen. Mein Essverhalten war noch immer gestört und ich hatte mehr schlechte Tage als gute.

Und jetzt!?

Momentan geht es mir psychisch besser, als wie die letzten drei Jahre. Trotzdem bin ich weit davon entfernt gesund zu sein. Ich habe noch immer wenig Kontrolle über mein Essverhalten, bin mit meinem Körper unzufrieden und habe Angst vor dem Leben. Trotzdem kämpfe ich weiterhin und bin davon überzeugt, dass ich gesund werden kann!

Es ist schwierig Tipps zu geben, was mir geholfen hat, weil psychische Krankheiten so komplex sind wie der Mensch selbst und jeder individuell seinen Weg finden muss.

Trotzdem gibt es meiner Meinung nach zwei wichtige Dinge, die ich euch mitgeben möchte: 

  1. Gesund kann man nur werden, wenn man es selber wirklich will!
  2. Allein ist Heilung möglich, aber sehr schwierig. Also hol dir Hilfe!

Denn ob du ́s glaubst oder nicht, du bist wertvoll!

Schreib mir gerne: meinlebenalspsycho(at)gmail.com