Muriel’s Geschichte

Muriel’s Geschichte

Mein persönlicher Recovery-(Irr)Weg

Mein persönlicher Recover-Weg war alles andere als gradlinig. Er fing an, als ich vor ein paar Jahren beschloss, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen und wieder die Schulbank zu drücken. Mein Traum war, Meeresbiologin zu werden und so schrieb ich mich an der Universität Zürich für das Studium in Biologie ein. Vor meiner Erkrankung habe ich ein Jahr als Tauchlehrerin in Thailand gearbeitet und dabei ein Interesse in Meeresökologie entwickelt.

Der Traum vom Meer

Vor dem Studium war ich sechs Monate in der Klinik. Ich habe viel Zeit gebraucht, um selber wieder auf die Beine zu kommen. Ich nahm starke Medikamente und meine Konzentrationsfähigkeit war sehr eingeschränkt. Dennoch hoffte ich, dass ich das Studium schaffen könnte. Ich entschied mich, nur zwei Veranstaltungen zu besuchen, um mich nicht zu überfordern. Ausserdem nahm ich am Chemie-Praktikum im Labor teil, was mir viel Spass machte.

An der Universität nahm ich die Dienste der Fachstelle für “Studium und Behinderung” in Anspruch. Um meine mangelnde Konzentrationsfähigkeit zu kompensieren, hatte ich dreimal pro Woche Nachhilfe-Unterricht bei einem Studenten im dritten Studienjahr. Am Anfang ging alles gut. Es gelang mir, mit enormer Anstrengung, dem Studium zu folgen und den Ansprüchen gerecht zu werden.

Neben der Uni arbeitete ich an einer Tauchschule in Zürich als Tauchlehrerin. Auch hier war die Arbeit interessant und abwechslungsreich. Ich unterrichtete Theorie, brachte den Schülern die Grundlagen des Tauchens im Hallenbad bei und ging mit ihnen im See tauchen. Es machte mir Spass.

Damals war ich glücklich. Ich glaubte, die Erkrankung einigermassen im Griff zu haben. Mein Recovery-Weg schien geradewegs auf ein unabhängiges und “gesundes” Leben fortzuschreiten. Natürlich war nicht alles gut. Ich hörte Stimmen, ich war eingeschränkt durch die Medikamente. Aber ich konnte damit umgehen.

Trotzdem zeigte ich immer stärkere Indizien einer Überforderung. Ich konnte nachts nicht mehr schlafen. Ich hatte Albträume. Ich zog mich zurück. Ich antwortete nicht mehr auf Anrufe. Ich igelte mich ein. Aber ich schaffte es immerhin weiterhin zu Uni zu gehen und zum Tauchen.

Der Zusammenbruch

Dann kam der Zusammenbruch: Ich hatte einen epileptischen Anfall. An der Uni. Vor allen Studenten. Ich wurde mit dem Krankenwagen ins Unispital Zürich gebracht. Es war nicht klar, ob der Anfall von den Medikamenten ausgelöst worden ist. Oder aus psychischen Gründen. Oder beides.

Danach ging nichts mehr. Ich landete in der Klinik. Ich hörte Stimmen. Ich hatte Flashbacks und Albträume. Ich war suizidal. Ich lebte in meiner eigenen Welt und niemand kam an mich heran. Ich durfte nicht mehr tauchen. Mein Traum von der Meeresbiologie war geplatzt. Mit Epilepsie ist Tauchen verboten. Ich hatte nichts mehr. Keine Perspektive. Keine Träume. Nichts wofür es sich zu kämpfen lohnte. Die Ärzte probierten alle möglichen Medikamente. Nichts half. Ich war therapieresistent. Schizophren. Hoffnungslos.

Ich verbrachte ein ganzes Jahr in der Klinik. Wurde wegen Suizidalität mehrmals von der Therapiestation auf die Akutstation verlegt. Ich war krank. Ich war ein “Fall”. Man musste mich “stabilisieren”. Nach dreizehn Monaten wurde ich in ein Wohnheim verlegt. Wieder ging es einfach darum, mich mit starken Medikamenten ruhig zu stellen. Ich war wie ein Zombie. Verbrachte die Tage im Bett.

Erste Schritte nach der Krise

Trotzdem war der Klinikaufenthalt nicht ganz ein Reinfall. Ich lernte meine Psychologin S. kennen. Sie war die erste, die mit mir über meine Stimmen sprach. Sie fragte mich, wer meine Stimmen sind, was sie sagen, was für eine Beziehung ich zu ihnen habe. Wir erarbeiteten Strategien, um mit ihnen umzugehen. Auch wenn die Strategien nicht hilfreich waren, so war ich doch froh, mit jemandem darüber sprechen zu können. Ich fühlte mich ernst genommen. Die Stimmen waren nicht bloss ein “Symptom”, das man behandeln musste.

Im Wohnheim, mit der Betreuung durch das Team und der Begleitung meiner Psychologin S. (die mich auch ambulant weiterbehandelte) sowie meines Psychiaters E., gelang es mir langsam wieder, mir ein Leben ausserhalb der Psychiatrie aufzubauen. Ich war weiterhin beeinträchtigt durch das Stimmenhören und das Telepathie-Erleben (die Fähigkeit, die Gedanken und Emotionen anderer wahrzunehmen). Ich entwickelte eine sehr starke Sozialphobie und konnte kaum mehr unter die Leute. Aber, irgendwo, ganz tief in meinem Inneren, erwachte meine Kämpfernatur.

Ich wollte Leben! Ich wollte mich nicht unterkriegen lassen! Langsam begann ich das Umfeld des Wohnheims wahrzunehmen. Die Tiere auf dem Bauernhof. Der Hund, die Ponys, die Pferde, die Schafe mit ihren Lämmchen, die Ziegen, die Ferkel. Ich setzte mich zu den Ponys in den Stall und streichelte sie. Ich kuschelte mit dem Hund. Ich begann, mich selber wieder zu spüren. Ich fing an mit meiner Mitbewohnerin lange Spaziergänge mit dem Hund zu unternehmen. Ich begann mit ganz kleinen Schritten wieder am Leben teilzunehmen.

Mit der Zeit gelang es mir immer besser, mit den Stimmen umzugehen. Es gab immer wieder Rückschläge, ich musste mehrmals zurück in die Klinik. Aber die Klinikaufenthalte wurden kürzer. Nur zur Krisenintervention. Ich war chronisch Schizophren. Die Ärzte versuchten nicht mehr, mich zu heilen. Es ging nur noch darum, mir das Leben erträglicher zu machen. Ich glaube nicht, dass die Ärzte in der Klinik in meinem Fall an ein “Recovery” glaubten.

Neue Ziele und Träume

Inzwischen wurde aus meinem Überlebenswillen wieder ein Traum. Ich wollte selbstständiger werden. Mein Leben selber in die Hand nehmen. Wieder “ich” sein und nicht Spielball meiner Stimmen. Mit meiner Bezugsperson im Wohnheim, der Therapie bei S. und der medikamentösen Einstellung von E. gelang es mir, meine Lebensqualität zu verbessern. Die Medikamente wurden angepasst. Die Strategien zum Umgang mit dem Lärm im Kopf fingen langsam an zu greifen. Ich konnte inzwischen mit den Stimmen reden und verhandeln, auch wenn es mich so viel Kraft kostete, dass ich nach aussen kaum “funktionierte”.

Mit der Zeit gelang es mir, an der Tagesstruktur des Wohnheims teilzunehmen. Ich arbeitete auf dem Bauernhof, kümmerte mich um die Tiere und arbeitete im Garten. Ich spürte, wie mein Leben langsam wieder einen “Sinn” erhielt. Ich machte etwas “sinnvolles”. Ich war Teil einer Gemeinschaft. Ich hatte ein Recht zu existieren.

Ich machte immer mehr Schritte Richtung Recovery. Ich begann Hoffnung zu schöpfen. E. versprach, dass ich trotz Epi-Anfall bald wieder tauchen dürfe. Damit war mein Traum wieder realisierbar. Ich würde wieder tauchen können, auch wenn ich dafür noch etwas warten musste. Ausserdem träumte ich davon, wieder ans Meer zu gehen, das Salzwasser auf meiner Haut zu spüren, die Weite des Ozeans zu erleben.

Ein weiterer Traum mischte sich dazu. Ich hatte in der Klinik eine Peer Genesungsbegleiterin kennengelernt. Sie erzählte mir von der Ausbildung, von der Tätigkeit, die sie danach würde ausüben können. Ich war fasziniert. Ich wollte gern meine Psychiatrie-Erfahrung mit anderen teilen, den schmerzhaften Erinnerungen einen Sinn geben. Die Erkrankung wäre somit nicht einfach “verlorene” Zeit, sondern eine Art “Lehrjahr” für die Ausübung einer professionellen Tätigkeit.

Im Jahr 2017 geschah dann alles auf einmal: Ich wurde für die Peer-Ausbildung bei der Pro Mente Sana angenommen. Ich reiste ans Meer nach Sardinien. Und ich ging Tauchen.

Jetzt bin ich glücklich. Der Recovery-Weg war schwierig mit vielen Rückschlägen und Hindernissen und trotzdem habe ich es geschafft, meine Träume und Wünsche zu realisieren.

Inzwischen habe ich jedoch schon neue Träume formuliert:

  • Ich möchte in der Therapie weiter an mir arbeiten, um meine Lebensqualität zu verbessern und zu lernen, mit dem Trauma und den psychotischen Symptomen umzugehen.
  • Ich will die Peer-Ausbildung erfolgreich abschliessen
  • Ich möchte nach Asien reisen und im Meer schwimmen und tauchen
  • Ich möchte gerne die Peer-Arbeit mit einer Hunde-Therapie-Ausbildung kombinieren
  • Ich wünsche mir, 3-4 Monate im Jahr als Tauchlehrerin im Ausland zu arbeiten und die restliche Zeit als Peer in der Schweiz tätig zu sein.

Ich bin zuversichtlich, dass ich auch diese Ziele werde erreichen können, auch wenn es mehrere Jahre brauchen wird, bis es soweit ist. Ich bin auf jeden Fall motiviert, weiter an meinem Recovery-Weg zu arbeiten.